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Mindestens bi – ein Lehrerporträt

Der Liceo-Lehrer, Schriftsteller und Leseperformer Hugo Ramnek erzählt von seiner Liebe zur Dualität und gibt einen Einblick in sein künstlerisches Schaffen.

26. April 2021

Als er sich am Liceo Artistico bewarb, schrieb Ramnek der Wahlkommission, was ihn besonders reize an dieser Schule, nämlich dass sie «bi-» sei: bikulturell, bilingual, binational. Gymnasium und Kunstschule. Und mit Goethe – schliesslich ist er Deutschlehrer – setzte der Kandidat hinzu, dass zwei Herzen in seiner Brust schlügen: ein pädagogisches und ein theatralisches. Damals machte er gerade berufsbegleitend eine Schauspielausbildung. Was er der Wahlkommission nicht schrieb, war – dass er schrieb: Romane, Erzählungen, Gedichte.

In der Zwischenzeit unterrichtet er dreissig Jahre am Liceo und hat fünf Bücher veröffentlicht. Seine zwei Romane haben beide die Literarische Auszeichnung der Stadt Zürich (2010 und 2020) erhalten. Sein jüngster Roman «Die Schneekugel» wurde zudem mit dem Premio letterario internazionale Merano-Europa ausgezeichnet. Wieder bi.

Sich mit sich selbst zusammensetzen

Der gebürtige Kärntner, den die Liebe zu einer Schweizerin nach Zürich verschlagen hat, muss manchmal an seinen Landsmann Johann Nepomuk Nestroy denken, wenn ihm die (mehr als) Bi-Haftigkeit gelegentlich zu viel wird: «Ich möcht’ mich einmal mit mir selber zusammenhetzen, nur um zu sehen, wer der Stärkere ist, ich oder ich.» Bloss dass er sich in solchen Momenten – das sei nicht verschwiegen – erschöpft fragt, wer der Schwächere sei, er oder er?

Dann setzt er sich mit sich selber zusammen und einer von den beiden erinnert den anderen an das Motto von E. M. Forsters Roman «Howard's End»:
»Only connect.»
Und dann sind sich die zwei einig.
Dass es halt doch schön ist, mindestens bi zu sein.

So schaut ein Bühnenauftritt aus, der sich österreichisch anhört, auch wenn er von einem cantautore unterbrochen wird. («Das Fragment» aus: «Meine Ge-Ge-Generation.»)

So klingt ein Live-Auftritt mit den Musikern Arthur Ottowitz (Blues Harp) und Jörg Friessnegg (E-Gitarre): («John Lee Hooker» oder «Geschenke» aus: «Meine Ge-Ge-Generation.») Bitte auf Website nach unten scrollen.

So schaut es aus, wenn die Theatergruppe Freudenberg/Liceo Ramneks Stück «Die Fünfte Himmelsrichtung» spielt.

Zur Person

Hugo Ramnek, geboren 1960, aufgewachsen in Bleiburg/Pliberk, Kärnten, studierte Anglistik und Germanistik in Wien und Dublin und besuchte die Schau Spiel Schule Zürich. Er lebt seit 1989 in Zürich. («Verbleib bei schweizerischer Ehefrau» steht in seinem Ausländerausweis.) Der Deutschlehrer gehört zu den Urgesteinen am Liceo Artistico. Literatur unterrichtet er nicht nur, er schreibt sie auch selber: Romane, Erzählungen, Gedichte und Theaterstücke. Zuletzt erschien 2020 «Die Schneekugel. Ein Roman in Erzählungen.» im Wieser Verlag. Als Leseperformer tritt er häufig mit Musikern auf – wenn nicht gerade das Virus regiert.