Dieser Beitrag erschien in:

«Es sind Inseln im Meer der Routine»

Wie bringt man Schüler*innen soziale und ökologische Themen näher? Diese Frage beantwortet das MNG/K&S mit einer Vielzahl an Aktivitäten. Geschichtslehrer, Mit-Organisator und -Initiator Sebastian Bott erzählt, was dabei wichtig ist und worüber er sich keine Illusionen macht.

11. Juli 2024

Was nehmen die Schüler*innen mit aus diesen Veranstaltungen?

Keine Ahnung (lacht schallend). Ich mache mir keine Illusionen, dass es wegen einer Woche zu einem Einstellungswandel kommt. Aber die Schüler*innen erleben, dass die Schule als Institution sich aktiv mit Fragen auseinandersetzt, die von zentraler Bedeutung für Gegenwart und Zukunft sind, insbesondere für junge Menschen. Wir schaffen einen Raum, wortwörtlich, für diese Themen, und zwar über die Einzelfächer hinaus.

Die Schule ist darauf angewiesen, konservativ zu sein, Pädagogik kann nicht in Trends agieren.

Das kann auch in Abwehr resultieren, aber es ist wertvoll, dass man darüber spricht. Es sind Inseln in einem Meer der Routine.

Die Schule ist darauf angewiesen, konservativ zu sein, Pädagogik kann nicht in Trends agieren. Wir dürfen keine Experimente mit jungen Menschen machen, wir müssen sorgfältig und verlässlich sein. Gleichzeitig sind die Bildungsinstitutionen gefordert in diesen Zeiten der Transformation, wir müssen uns Gedanken machen zum Fächerkanon, zur Interdisziplinarität und zu relevanten Unterrichtsthemen.

Das kann nur so ablaufen, dass wir Inseln schaffen, in denen wir etwas ausprobieren und reflektieren. So schaffen wir, was aus meiner Sicht nötig ist: das alte Tankschiff Schule in neue Richtungen zu lenken und den Schüler*innen und auch uns Lehrpersonen zu ermöglichen, von der Krisenmüdigkeit in die Selbstwirksamkeit hineinzuwachsen.

Was nehmen die Schüler*innen aus dem Freifach «Entwicklungszusammenarbeit» mit?

Sie betonen, dass sie dort Verantwortung erleben. Keine fiktive Verantwortung im Schulzimmer, sondern eine echte – sie müssen mit Betroffenen kommunizieren, auf Englisch, Französisch, sie müssen vor Geldgebern auftreten. Das sind reale Situationen und das ist wertvoll in der künstlichen Schulatmosphäre. Sie müssen Projektbeschriebe schreiben und stellen fest, dass es gar nicht so einfach ist, das Projekt auf einer A4-Seite auf Deutsch oder Englisch auf den Punkt zu bringen.

Sie erleben auch hier Selbstwirksamkeit und erhalten direkte Rückmeldung. Sie merken: Wenn ich mich nicht reinknie, dann kommt das Projekt nicht zustande.

Sie haben zur Fokuswoche Klimakrise Umfragen gemacht bei Lehrpersonen und Schüler*innen. Welche Rückmeldungen haben Sie erhalten?

Von einer Minderheit wurde Überdruss geäussert, mehrheitlich gab es aber positive Stimmen. Viele sind der Meinung, dass es wichtig ist, Klimawandel und Nachhaltigkeit zu thematisieren, aber auch, dass es zu wenig thematisiert werde – einerseits im Unterricht während des Jahres, insbesondere aber im Regelunterricht während der Fokuswoche.

Was würden Sie anderen Personen oder Schulen raten, die ähnliche Engagements realisieren wollen?

(Überlegt lange). Es ist nicht einfach unsere Erfahrungen zu verallgemeinern, weil da verschiedene, schulhausspezifische Aspekte eine Rolle spielen.

Unerlässlich ist, dass man als Lehrperson sagt: Ich habe ein Anliegen, das ich an der Schule thematisieren will. Ich muss überzeugt sein davon, dass die Schule der richtige Ort für mein Engagement ist. Es bedeutet zuerst einmal Zusatzaufwand und man muss diesen wirklich leisten wollen.

Dann muss ich ins Gespräch kommen mit meinen Kolleg*innen. Das sind anfangs informelle Gespräche über die Fachgrenzen hinweg. Und besonders daran ist wiederum der Ort Schule. Dass wir feststellen, wir sollten uns an diesem Ort in angemessener Art und Weise mit dem Thema auseinandersetzen. Was dabei genau «angemessen» heisst, das gilt es immer wieder zu reflektieren.

Ich muss überzeugt sein davon, dass die Schule der richtige Ort für mein Engagement ist.

Und drittens ist die Schulleitung entscheidend. Durch ihre Unterstützung entsteht erst die Möglichkeit der Inselbildung, ich kann das nicht ohne Zustimmung der Schulleitung machen. Dafür braucht es einen fundierten Vorschlag. So kamen auch diese Projekte zustande: Wir haben viel Vorarbeit geleistet und erst als wir ein belastbares Konzept hatten, gingen wir zur Schulleitung.

Nicht zuletzt braucht es den Mut zur Reflexion, zur Veränderung und Selbstkritik. Soziale und ökologische Themen sind per se hochpolitisch. An den Schulen unterstehen wir dem politischen Neutralitätsgebot. Wir fragen nach jeder Fokuswoche im Konvent nach, ob die Woche noch gewollt ist. Die Reflexion findet also nicht im OK statt, sondern im gesamten Kollegium. Das ist wichtig für solche Initiativen, wir wollen uns nicht in einer Bubble selbst bestätigen, sondern gesamtschulisch agieren. Um gesellschaftsrelevante Kompetenzen zu fördern, um die sozialen und ökologischen Krisen zu verstehen und Wirksamkeit erfahrbar zu machen braucht es einen Minimalkonsens im Kollegium. Dazu müssen wir Lehrpersonen selbstkritisch sein und selbst lernen wollen. Dies gelingt nur im Austausch mit anderen.

Zur Person

Dr. Sebastian Bott, Lehrer für Geschichte, EWR an der KS Rämibühl MNG seit 1992 organisiert zusammen mit Kolleg*innen und Schüler*innen die Fokuswoche Klimakrise. Er ist zudem im Freifach «Entwicklungszusammenarbeit» engagiert.